Golo Stadelmann
Ich wünschte mir, dass wir als Menschen unsere Lebensgrundlage mehr respektieren würden
Beruf: Waldökologe/Waldforscher
Hobbies: Skitouren, Wandern, draussen in der Natur sein
Lieblingsbaum: Vogelbeere
Waldmoment, den du nie vergisst: Da gibt es viele. Ich habe zum Beispiel mal bei einem heftigen Gewitter im Wald unter einer Fichte Schutz gesucht. Wenn es richtig stürmt, ist das dann Schutz und Bedrohung zugleich.
Was hat dich ursprünglich motiviert, dich wissenschaftlich mit dem Bergwald zu beschäftigen?
Ich wuchs im Mittelland auf und erlebte die Natur vor allem im Wald. Wir unternahmen aber auch viele Wanderungen in den Bergen und irgendwann habe ich mit dem «Skitürelen» angefangen. Im Gebirge spielt der Wald eine wichtige Rolle – zwischen Strassen und Siedlungen im Tal und den Gipfeln der Berge. Der Bergwald hat mich einfach begeistert.
Was macht ein:e Bergwaldforscher:in?
Bei meiner täglichen Arbeit bin ich nicht auf den Bergwald fokussiert. Während des Studiums sammelte ich erste Erfahrungen im Urwald Scatlè. Das war mein erster Kontakt zur Waldforschung. Heute versuchen wir die demographischen Prozesse also Regeneration, Wachstum und Mortalität besser zu verstehen und die Waldentwicklung anhand des empirischen Waldmodells MASSIMO vorherzusagen. Mit MASSIMO berechnen wir nationale Holznutzungspotentiale und den Einfluss des Schweizer Waldes als Kohlenstoffsenke.
Wie verändert der Klimawandel die Prioritäten in der Bergwaldforschung?
Der Klimawandel verändert Störungsregime und verschiebt die Areale, in welcher bestimmte Baumarten gut wachsen können. Um verlässliche Vorhersagen zur Waldentwicklung zu treffen, müssen wir diese Prozesse verstehen und simulieren können. Mit zunehmenden Herausforderungen für den Wald nehmen auch die Themen zu, mit denen wir uns in der Forschung beschäftigen.
Erinnerst du dich an einen prägenden Moment beim Bergwaldprojekt?
Im Bergwaldprojekt habe ich besonders gern Jungwald- oder lieber noch Stangenholzpflege durchgeführt – das liegt mir mehr als Asthaufen aufschichten. Wenn gebaut wird, dann am liebsten etwas Konstruktives wie Ogi-Böcke, also Dreibeinböcke, und anschliessend das Pflanzen neuer Bäume. Am meisten geprägt hat mich die Erkenntnis, wie viel Arbeit tatsächlich nötig ist, um einen Schutzwald nach einer Störung wieder dorthin zu bringen, wo wir ihn möchten.
Hat das Bergwaldprojekt deine Forschungsarbeit beeinflusst?
Es war mir noch nicht klar, dass ich einmal Forscher werde, als ich zum ersten Mal im Bergwaldprojekt teilnahm. Aber es hat meine Begeisterung für das Ökosystem Wald gestärkt. Nach mehr als 20 Wochen beim Bergwaldprojekt habe ich viele Facetten gesehen und das hilft mir nicht nur die Daten und Theorien anzuschauen, sondern auch ganz konkrete Bilder im Kopf zu haben. Zudem denke ich, dass ich durch die Zeit im Wald Forstpraktiker und deren Fragestellungen besser verstehe.
Wenn du einen Wunsch für den Bergwald selbst richten könntest – welcher wäre das?
Nicht nur der Bergwald, sondern die Wälder global und viele andere Ökosysteme geraten zunehmend unter Druck. Ich wünschte mir, dass wir als Menschen unsere Lebensgrundlage mehr respektieren würden, dass wir die Biodiversitäts- und Klimakrise wirklich ernst nehmen und unser Handeln nachhaltiger gestalten würden.