Teilnehmerberichte FelsbergEinsatz im Bergwald mit Konsequenzen im Alltag
Endlich ist es soweit. Sonntag, 23. Juni 2002. Ich bin etwas nervös. Was wird in den nächsten Stunden meines Lebens auf mich zukommen? Alle Teilnehmer treffen pünktlich ein. Mit dem ganzen Gepäck schleppen wir uns in zügigem Tempo zu Fuss eine Stunden nach oben. Die Hitze raubt mir fast den Atem. Welch eine Freude als wir die Wiese mit den 650 jährigen Eichen erreichen. Für die Schönheit der Lage bleibt im ersten Moment keine Zeit. Erst nachdem ich mich im kalten Brunnen abgekühlt habe, lasse ich meine Blicke über die Wiese schweifen, die in den kommenden Tagen mein „Zuhause“ sein wird. Das Tipi als Gesellschaftsraum und Schlechtwetterküche steht bereits. „I bi dr Bänz mit ä“ beginnt der Projektleiter die Vorstellungsrunde im kühlen Schatten, „und das isch Berndütsch“. Schon mit diesen Worten und der Ruhe, die er ausstrahlt, erobert er die Sympathien der Teilnehmer. Nebst ihm sitzen 3 Holländer, 6 Deutsche, 6 Schweizer, die Köchin Larissa und die „Pferdefrau“ Christine in unserer Runde. Ich fühle mich auf Anhieb sehr wohl in dieser Gruppe. In den glühenden Gesichtern kann man den Tatendrang erkennen.
Es gibt noch einige Arbeiten rund ums Tipi zu verrichten, wie Brennholz hacken, eine zweite Feuerstelle einrichten, das Tipi einrichten und natürlich unsere Zelte ums Tipi aufstellen. Dass kein ebenes Plätzchen mehr zur Verfügung steht, haben wir schnell eingesehen und uns auf „schräge“ Nächte eingestellt.
Montagmorgen 06.00 Uhr. Giar, der Gruppenleiter, weckt uns sanft mit Flötenmusik. Später greift Bänz noch zur Kuhglocke, falls es noch Tiefschläfer hat, denen die Flötenmusik entgangen ist. Um 07.30 Uhr begrüsst uns der Förster aus Felsberg, Renato Deflorin. 4 Personen gehen mit Renato um einige Rinnen zu säubern, die verstopft sind. Wir andern folgen 1 Stunde dem Weg weiter nach oben, bis wir vor einer Holzschlagfläche stehen. Wir werden heute die Aeste von diesem Schlag zu Haufen zusammentragen, erklärt Bänz. Zusammen mit der Bepflanzung morgen werden wir eine Generation überspringen. Es arbeitet jeder für sich allein. Mir wird immer wieder bewusst, wenn ich einen Ast aus dem Gewirr am Boden befreie, wie lange es dauern würde, bis dieser selbst verrottet, sich guter Humus gebildet und ein entsprechener Sämling sich eingenistet hätte. Für uns Menschen viel zu lange, da wir den Schutzwald immer sofort und intakt beanspruchen! Es ist eine anstrengende Arbeit, aber wir kommen sehr gut voran. Wegen einem heftigen Gewitter müssen wir die Arbeit kurz unterbrechen. Es grollt und donnert. Sofort kann ich mich in die Pflanze hinein versetzten und spüre welchen Naturgewalten diese ausgesetzt sind. Später sehen wir, was das unheimliche Grollen war. Es haben sich 3 kleinere Schlammlawinen ganz in unserer Nähe talabwärts gestürzt. Sehr eindrücklich und keinem der Teilnehmer muss die Funktion des Schutzwaldes nochmals erläutert werden. Alle haben gesehen was ein 15-minütiges Gewitter bewirken kann. Die Pflanzung von Lärchen am nächsten Tag ist sehr anspruchsvoll. Es zeigt sich vielerorts als sehr schwierig, guten Humus oder ein „gemütliches“ Plätzchen für die Setzlinge zu finden. Da ich daheim einen Garten habe, übersteigt es mein Vorstellungsvermögen, so weitsichtig zu pflanzen und doch entwickle ich im Verlauf des Tages immer mehr Spührsinn dafür. Auch werden Mehlbeeren und Vogelbeeren als schnellwachsende Arten dazwischen gepflanzt. Die Arbeit macht Spass. Ich bin mit allen Sinnen und Gedanken dabei. Meine Zufriedenheit ist hoffentlich auch auf die Setzlinge übergegangen. Mit Stolz in der Brust und einer gesunden Müdigkeit verlassen wir um 17.30 Uhr die Arbeitsstelle und marschieren talabwärts. Auch diesen Weg zu Fuss zurück zum Tipi empfinde ich als sehr erholsam. Noch einmal bewusst an die getane Arbeit denken zu können, bevor man sich in der geselligen Runde wieder köstlich amüsiert. Wir sind wirklich eine sehr humorvolle Truppe! Es breitet sich eine unsagbare Unbeschwertheit aus. Die Belohnung am Abend ist das von Larissa zubereitete Essen auf dem Feuer. Ein Genuss! Den täglich frischen Salat hätte ich hier oben auch nicht erwartet. Doch Christine macht’s möglich, da sie jeden Tag mit ihren Pferden im Dorf einkaufen geht.
Bei strahlendem Wetter starten wir am Mittwoch die Exkursion. Herr Schneller bringt uns auf steilen Wegen zu den alten Goldmienen von Felsberg. Es macht Spass in diesen Mienengängen, die zum Teil eingestürzt sind, zu laufen und jeder fühlt ein wenig den Goldrausch, als wir im klaren Bächli schürfen. Ueber Tamins entlang dem Rhein erreichen wir am späten Nachmittag wieder unsere Wiese. Als Abschluss des heutigen Tages fällen wir noch einen weiteren Baum für Brennholz. Zudem graben wir Berberitzen, Disteln und Hagrosen aus auf der Weide, die der Bauer uns gratis zur Verfügung stellt. Eine kleine Geste unsererseits.
Bereits Donnerstag, heute wird mir das erste Mal bewusst, dass dieses Projekt nicht ewig sondern nur eine Woche dauert und wir bereits den zweitletzten Arbeitstag antreten. Bereits schleicht sich eine leichte Wehmut ein. Doch als ich meine Werkzeuge fasse und den Weg nach oben laufe, habe ich dies im Anbetracht des neuen, herrlichen Tages bereits wieder vergessen. Ich bin heute bei der Waldpflege eingeteilt. Daniel erklärt die Vorgehensweise und das Tagesziel. Wir stehen vor einem Dickicht. Kommen kaum hinein. Zwängen uns durch die dichtbewachsenen Reihen von jungen Buchen und Fichten. Wir setzen uns aufs alte Laub uns horchen dem Gruppenleiter gespannt zu. Wieder eine neue Perspektive vom Wald, denke ich, als ich so im dichten Wald sitze und die Sonnenstrahlen durch das Laub tanzen sehe. Wunderschön. Märchenhaft. Zusammen wählen wir die 5 Zukunftsbäume aus und bezeichnen sie mit weissen Bändern. Als nächstes werden die Konkurrenzbäume mit rot bezeichnet. Dann geht es sehr schnell. Wir greifen zu Säge, Gertel und Schere. Die mit rot bezeichneten Bäume werden gefällt und entastet. Schon bald stehen wir im ausgelichteten Wald. Als letztes werden die jüngeren Bäume ausgelichtet. Einen stehenlassen, zwei weg! Ich fühle richtig, wie die Zukunftsbäume aufatmen und finde, dass sie schon jetzt viel stabiler aussehen. Mit dieser Arbeit schreiben wir ein Stück Waldgeschichte mit. Waldpflege ist eine der anspruchvollsten Arbeiten im Wald. Nur ein gepflegter Wald kann uns die gewünschte Stabilität bieten. Auch hier staune ich über das Vertrauen, dass uns seitens der Gemeinde und des Gruppenleiters entgegengebracht werden.
Heute entscheide ich endgültig, dass ich mein Zelt nicht mehr zügeln werde. Seit 4 Tage schlafe ich nicht in der Horizontalen, doch die Müdigkeit ist gross genug, dies zu ignorieren.
Am Freitagmorgen gibt es nochmals 3 Gruppen. Waldpflege, Wegebau und Wildwiesenpflege. Der Projektleiter überlässt uns heute die Wahl. Ich entscheide mich für die Wildwiesenpflege. Diese Wiese wird speziell für das Wild gepflegt und offen gehalten. Wussten Sie, dass Rehe, Hirsche und Hasen etc. keine Waldtiere sind? Wir haben sie von den Wiesen verdrängt und in Waldtiere umgetauft! Ganz einfach! Wir fällen einige Fichten und graben Berberitzen aus. Ich übernehme zum grossen Teil das Mähen der Wiese mit dem Trimmer. Während der Arbeit hinterfrage ich meine sportlichen Tätigkeiten zu Hause. Wenn ich die körperliche Betätigung schon benötige, weshalb biete ich nicht meine Hilfe z.B. einem Bauern an, anstatt „sinnlos“ mit dem Bike 2 Stunden durch die Gegend zu trampeln? Diese Erkenntnis bleibt hängen. Zufrieden schauen wir 4 Frauen (Bänz hat natürlich auch geholfen) am Abend unsere getane Arbeit an.
Zurück beim Tipi eröffnet der Projektleiter die Abschlussrunde. Seitens der Teilnehmer und von Bänz sind nur positive Echos zu hören. Auch der Gemeindepräsident und der Förster bestätigen dies mit einem grossen Lob und Anerkennung.
Das Fondue auf dem Feuer im Tipi am Abend ist wirklich der krönende Abschluss. Alle ums Feuer mit Gabel bewaffnet. Was für ein Spass! Muss das wirklich schon das Ende sein? Die 6 Tage in freier Natur, mit Körper, Geist und Seele bei der Arbeit, fern aller Medien, fern aller Sorgen, fern von Gesellschatszwängen - welch eine Wohltat!
Der Abschlussabend ist ein absoluter Höhepunkt. Wir singen, tanzen und lachen. Lachen noch einmal so richtig herzhaft. Und trotzdem überfällt mich eine seltsame Melancholie, als ich zu „Zelt“ gehe.
Die Stimmung am Samstagmorgen beim Morgenessen ist auch dementsprechend. Ich habe einen Kloss im Hals. Schon werden die ersten Zelte abgebrochen. Bald müssen wir Abschied nehmen. Alles läuft ab wie in einem Film. Die meisten Teilnehmer sind weg. Ich kann mein Gepäck mitgeben, möchte jedoch selbst nicht mitfahren. Ich stehe oben auf der Wiese und lasse meine Gedanken schweifen. Ich möchte nicht nach Hause, möchte einfach hier stehen bleiben, den Moment festhalten. Möchte nicht zurück in die Zivilisation, habe kein Verlangen nach einer Dusche und all dem andern Komfort der mich zu Hause erwartet. Ich bin so voll mit Eindrücken, die ich noch nicht Zeit hatte zu verarbeiten. Ich entscheide mich, zu Fuss von Felsberg nach Trin zu gehen. Ich muss eine Brücke schlagen zwischen Erlebtem und dem Alltag. Ich bin dankbar, glücklich, zufrieden, hilflos und traurig. Dankbar für die lehrreichen und einprägenden Momente dieser Woche. Glücklich, endlich ein Projekt mitgemacht zu haben. Zufrieden, körperliche Höchstleistungen vollbracht zu haben. Hilflos, nicht jedermann sogleich für all das Erlebte motivieren zu können. Traurig, weil die wunderschöne Zeit vorbei ist und niemals wiederkommt. Als ich auf der Senda Sursilvana durch den schönen Buchenwald laufe, kommen mir die Tränen beim Anblick dieser kraftvollen Bäume. Ich fühle mich in diesem Moment tief verbunden mit der Natur. Jetzt weiss ich selbst, was alle Teilnehmer immer versucht haben zu vermitteln. Sie müssen selbst eine Bergwaldprojektwoche erleben, damit Sie verstehen können. Selbst jetzt bin ich noch immer nicht in der Lage diese Gefühle zu beschreiben. Das Bergwaldprojekt wird auch Ihr Leben in irgend einem Sinn nachhaltig prägen! Trotz der anfänglichen Schwierigkeiten im Alltag, muss man loslassen, das Positive mitnehmen und umsetzen. Keine Auslandreise wird mir dieses Erlebnis ersetzen können.
Ursi Schlegel, Teilnehmende Felsberg 2002
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